Vortrag unserer Schulärztin, Frau Dr. Christiane Almasy, anlässlich der Pädagogischen Konferenz

Achtsamkeit als Prophylaxe und Früherkennung von Burnout

Burnout scheint eine der neuen Modekrankheiten geworden zu sein, die einen rasanten Anstieg verzeichnet. Es ist aber kein so neues Phänomen. Davon betroffen sind Menschen in helfenden Berufsgruppen, Dienstleistungsberufe im Gesundheitswesen und in der Ausbildung, man spricht von Hightouch-Berufen, Menschen die sich in hohem Maß engagieren und ihre Berufsrolle sehr ernst nehmen. Der Burnoutleidende ist emotional, psychisch und physisch erschöpft. Das Vollbild des Burnout zeichnet sich durch Unruhe, Getriebenheit gepaart mit Erschöpfung, eingeengtem Denken und verzerrter Wahrnehmung aus. Statt sich mit den eigenen Grenzen auseinanderzusetzen kommt es zur Flucht in Aktivitäten bis hin zu süchtigem Verhalten. Ablenkung und Betäubung helfen nichts zu spüren. Im Kontakt zu anderen Menschen kommt es zu Entfremdung, Isolierung und Rückzug, Gefühlsüberschwemmungen wechseln sich mit Gefühllosigkeit ab. Statt Mitgefühl breitet sich „Mitgefühlsmüdigkeit“ und Leere aus. Der Beruf kann zur Qual werden.( im Lehrberuf z.B. wenn Schüler nicht lernen wollen, keine Hausübung machen, wenn Eltern klagen, dass ihr Kind nicht die Aufmerksamkeit bekommt, die es nötig hätte, bis dahin, dass schulisches Versagen der Kinder dem Lehrer zur Last gelegt wird)

Globale Entstehungsursachen eines Burnout sind:

  • Arbeitsüberlastung: heute muss in weniger Zeit mehr erledigt werden, was mit der Zeit über die menschliche Leistungsfähigkeit hinausgeht.

  • Der Mangel an Gemeinschaft am Arbeitsplatz

  • Ein Wertekonflikt : er tritt dann ein , wenn ein Missverhältnis zwischen der Arbeit und den persönlichen Prinzipien entsteht

Risikofaktoren speziell für im Lehrberuf sehe ich in folgenden Punkten:

  • Mangelndes Feedback von Vorgesetzten, Mitarbeitern und Erziehungsberechtigten

  • Mangelnde Anerkennung für ihre Berufsgruppe in der Öffentlichkeit, wo oft verallgemeinernd in Bausch und Bogen über Lehrer hergezogen wird

  • Mangelnder Handlungs-und Gestaltungsspielraum in der Arbeit

  • Ungünstige räumliche Bedingungen, keine Rückzugsmöglichkeit am Arbeitsplatz

  • Körperliche Belastungen wie Lärm, Enge, künstliches Licht

  • Hohe Anforderungen von Eltern eigene Erziehungsdefizite zu kompensieren

  • Unfaire Behandlung durch Mitarbeiter und Eltern

  • Langeweile: wenn LehrerInnen ewig die gleiche Schulstufe und denselben Stoff unterrichten.

  • Verlust der Sinnhaftigkeit seines Tuns: In der Arbeit braucht es Momente, die sinnvoll und gehaltvoll sind. Der Sinnverlust in der Arbeit ist der größte Burnoutrisikofaktor. Burnout ist der Maßstab für die Diskrepanz zwischen dem Wesen eines Menschen und dem was er in seiner Arbeit tun muss. Burnout stellt einen Verschleiß von Werten, Würde, Geist und Willen dar- einen Verschleiß der menschlichen Seele.

  • Die seelischen Symptome sind die

  • Erschöpfung: Der Mensch fühlt sich überbeansprucht, sowohl emotionell wie auch physisch, er fühlt sich ausgelaugt, verbraucht und unfähig sich zu erholen um zu Kräften zu kommen.

  • Zynismus: wenn Menschen zynisch werden, nehmen sie eine kalte, distanzierte Haltung gegenüber der Arbeit und den Menschen am Arbeitsplatz ein. Zynismus stellt einen Mechanismus dar, sich vor Erschöpfung und Enttäuschung zu schützen.

  • Ineffizienz: Menschen fühlen sich einer Situation nicht mehr gewachsen, alles scheint sie zu erdrücken, die ganze Welt scheint sich gegen sie zu verschwören. Sie verlieren das Vertrauen in ihre Fähigkeit, etwas verändern zu können.

  • Auch körperlich zeigen sich Symptome: Kopfschmerzen, Magen – und Darmerkrankungen, Bluthochdruck, Muskelverspannungen, Rückenschmerzen, Schlafstörungen, Angst und Panikattacken bis zum Vollbild der Depression. Der Griff zu Alkohol und Medikamenten ist verbreitet als erste Selbsthilfsmaßnahme.

Lösungsansätze von Seiten des Arbeitgebers Burnout zu verhindern sind in darin zu suchen, die Identifikation mit der Arbeit zu fördern, ein gesundes Arbeitsklima herzustellen und menschliche Werte am Arbeitsplatz zu fördern.

Eigene Lösungsansätze sind mit Achtsamkeit zu erzielen: In der Erholungsphase, aber vor allem in der Prophylaxe des Burnout, kann Übung der Achtsamkeit hilfreich sein. Achtsamkeit hat seinen Ursprung in meditativen Praktiken aller buddhistischen Traditionen. Im 20. Jahrhundert haben viele Psychotherapieformen die Achtsamkeit und Akzeptanz in ihr methodisches Konzept integriert, sei es die Psychoanalyse Freuds, die Humanistische Psychotherapie, Gestalttherapie, Klientenzentrierte Psychotherapie, Foucusing, Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie, Verhaltenstherapeutische bis hin zu Körperorientierten Verfahren.

Die Antennen für eigene Gefühle und Bedürfnisse sind bei vielen betroffenen Menschen meist unterentwickelt. Achtsamkeit führt über die Wahrnehmung von eigenen Gefühlen und Bedürfnissen dazu, zu erkennen wann eigene Grenzen überschritten werden. Achtsamkeit beinhaltet eine bestimmte innere Haltung: Nicht werten, sich in Geduld üben, Vertrauen entwickeln, Anfängergeist bewahren, nicht nach etwas streben, annehmen können, loslassen können.

Unser Wohlbefinden und Glück hängen wesentlich auch mit unserem Körper zusammen. Er zeigt uns die Grenzen, indem er Signale sendet und krank wird. Daher ist es sinnvoll und gut für unseren Körper durch ausreichende Bewegung und Sport, Schlaf, Licht und Ernährung, wie auch für sinnliches Erleben zu sorgen. Gerade das Erleben mit allen Sinnen ist mit Achtsamkeit gemeint. Achtsamkeit bedeutet Kontakt mit der Gegenwart, ein Öffnen des Bewusstseins für den Reichtum und die Fülle unserer Sinne: Geräusche, Berührungen, Gerüche –und Geschmacksempfindungen, aber auch ein Wahrnehmen unserer Gefühle und Innenwelten. Es ist die Fähigkeit zum Selbst-Bewusstsein, zum Gewahrwerden des eigenen Denkens und Fühlens ohne zu bewerten. Indem sie sich ihrer Gefühle und Wahrnehmungen bewusstwerden, sie beobachten, verändern sie diese schon. Indem sie z.B. eine ärgerliche Situation im Alltag bewusst wahrnehmen, bekommen sie die Wahl darauf zu reagieren: Entweder noch mehr Anheizen und den Ärger lautstark kundtun, oder aber den Augenblick als Chance nehmen, in den Körper spüren und innere Ruhe einkehren zu lassen.

Achtsamkeit gewährt die Freiheit aus eingefahrenen Denk,- Fühl,-und Verhaltensmuster auszusteigen, nur zunächst dadurch, dass man sie überhaupt einmal wahrnimmt. Eine gelassene und angstfreie innere Haltung hat großen Einfluss auf körperliches Wohlbefinden und fördert die Fähigkeit sich körperlich zu entspannen und zu guter Stimmung zu führen. Wer die Haltung der Achtsamkeit als Lehrender für sich schätzen gelernt hat, dem gelingt es auch Schüler dafür zu begeistern. Lehrende die an Achtsamkeitsseminaren teilnahmen, setzen Achtsamkeitsübungen konkret in täglichen Unterricht ein und machen gute Erfahrungen damit. Der Lehrer hat Fachwissen zu vermitteln, aber er ist immer auch Pädagoge und Begleiter des Prozesses der Persönlichkeitsentfaltung der Heranwachsenden.

Achtsame Haltung des Lehrers wäre

  • Eine wertschätzende und akzeptierende Grundhaltung, eine nicht urteilende Grundhaltung gegenüber sich selbst und anderen. Man weiß heute aus der Hirnforschung das Menschen in Lernsituationen deutlicher motivierter sind, wenn eine positive Beziehung zum Lehrenden und zum Lerngegenstand vorhanden ist.

  • Offenheit gegenüber der Unterrichtssituation und den Schülern

  • Achtsame Sprache: Wie sprechen Lehrer mit ihren Schülern, ist die Sprache klar und konkret, werden abschätzige Bemerkungen oder Übertreibungen gemacht? Wer achtsam spricht, wirkt auf das Klima der Klasse entscheidend ein.

  • Ruhe und Gelassenheit

Wer achtsam unterrichten möchte kann sich vieler Übungen und Methoden bedienen, welche die Achtsamkeit während des Schulalltags erhöhen.

(Viele Schulbedingungen machen Schülern Angst. Wobei Angst und Stress die größten Lernverhinderer sind. Heute kommt Angst und Stress viel subtiler daher als zu Zeiten der „schwarzen Pädagogik“. Oft getarnt hinter hohem Leistungsanspruch der Eltern, oder das Eltern schulischen Misserfolg mit Liebesentzug quittieren, oder Zuwendung an Leistung koppeln. Bei Oberschüler schlagen sich auch große gesellschaftliche Themen wie Arbeitslosigkeit und Leistungsdruck auf die konkrete Unterrichtsebene durch. Diese angstvollen inneren Selbstgespräche wahrzunehmen und sie zu unterbrechen ist eine wichtige Qualifikation. Selbstkompetenz wird zu Selbstwirksamkeit. Wer als Schüler gelernt hat sich mit sich selbst zu befreunden, den eigenen Stressauslöser zu identifizieren und bewusst zu entschärfen, hat das Rüstzeug fürs Leben bekommen selbstbewusst und vertrauensvoll die Zukunft zu beschreiten.)

Die Ausbildung zum Lehrer sollte mehr Gewicht auf Persönlichkeitsbildung legen. Selbsterfahrung und Selbstreflexion des Lehrenden sind tragende Voraussetzungen für einen gelingenden Unterricht und gleichzeitig die beste Burnoutprophylaxe.

 

 

Anleitung für die Atem-Achtsamkeit:

Achten Sie darauf, dass Ihre Wirbelsäule der ganzen Länge nach aufgerichtet ist.

Lassen Sie Ihre Schultern sich ganz entspannen. Ihre Handinnenflächen sind geöffnet und weisen im Sitzen oder Liegen nach oben, im Stehen nach vorne. Schließen Sie nun Ihre Augen.

Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Atem.

Nehmen Sie einen tiefen Atemzug. Spüren Sie, wie beim Einatmen die Luft in Ihren Körper hineinströmt, Ihre Bauchdecke sich hebt und der Atem sich in Ihrem Körper ausdehnt. Lassen Sie die Atemluft ohne Anstrengung ganz in Bauch und Becken hineinströmen.

Beim Ausatmen spüren Sie, wie die Luft, vom Körper erwärmt, wieder hinaus fließt und Ihre Bauchdecke sich senkt.

Beim nächsten Einatmen legen Sie beide Hände mit den Handinnenflächen auf Ihren Bauch. Spüren Sie nach, wie sich die Bauchecke beim Einatmen hebt und beim nächsten Ausatmen wieder senkt.

Gedanken, die auftauchen, lassen Sie wie Wolken am Himmel vorbeiziehen. Sie nehmen sie wahr, ohne sie zu bewerten und festzuhalten.

Wiederholen Sie diese Übung einige Minuten lang.

Sagen Sie sich dann, dass Sie die Übung beenden und ins Hier und Jetzt zurückkehren wollen.

Ballen Sie Ihre Hände zu Fäusten, beginnen Sie sich zu räkeln und zu strecken und öffnen Sie Ihre Augen in Ihrem Rhythmus.

2. Übung

Nehmen Sie sich für diese Übung einige Augenblicke Zeit, sich selbst und ihre Umgebung achtsam wahrzunehmen.

Anleitung

Betrachten Sie entspannt und aufmerksam Ihren rechten Zeigefinger. Was fällt Ihnen auf? An Ihrem Fingernagel, an Ihren Fingerknochen, an Ihrer Haut – innen und außen? Nehmen Sie Ihre Gedanken und Gefühle wahr. Ohne sie zu verdrängen oder zu bewerten führen Sie Ihre konzentrierte Aufmerksamkeit wieder sanft zurück und fahren Sie fort, sich auf Ihren rechten Zeigefinger zu konzentrieren.

Was wissen Sie über die Anatomie? Kennen Sie unterschiedliche Bedeutungen von Gesten, die mit dem Zeigefinger durchgeführt werden? Haben Sie Kunstwerke gesehen und in Erinnerung, auf denen entsprechende symbolische Gesten dem Bild Ausdruck verleihen? Was fällt Ihnen noch zum Zeigefinger ein?

Nun schauen Sie sich in Ihrer Umgebung aufmerksam um.

Wählen Sie nach und nach etwas aus, dem Sie Ihre sanfte, entspannte Aufmerksamkeit zuwenden. Das kann ein Lebewesen, eine Situation oder auch ein Gegenstand sein. Wichtig ist, dass Sie Ihre Aufmerksamkeit sanft und entspannt lenken und keinen Druck anwenden. Nehmen Sie auch hier wieder Ihre Gedanken und Gefühle wahr. Und ohne sie zu verdrängen oder zu bewerten führen Sie Ihre konzentrierte Aufmerksamkeit wieder sanft zurück und fahren Sie fort, sich auf Ihren auserwählten Fokus zu konzentrieren.

Quellen: Dr.Evelin Fräntzel, Wikipedia